Projekt

Bruno Rziha - Ehrenamtlicher Mitarbeiter der ersten Stunde

Ehrenamtliches Engagement im Raum vor Ort

Raum vor Ort Bruno Rziha hat sich seit Projektbeginn im Raum vor Ort engagiert, zunächst hat er sich im Projekt als Handwerker nützlich gemacht, mit den Kindern der Initiative Bunte Schule e.V. auf dem Spielplatz gespielt und Deutsch geübt. Bald half er jedoch auch bei den Familien zuhause aus und machte beispielsweise desolate Wohnungen wieder funktionstüchtig.

Alle im Quartier kennen Bruno, von den Bewohnern bis hin zu den Einrichtungen. Bruno versteht es nicht nur ganz praktische, alltägliche Probleme, wie einen tropfenden Wasseranschluss, zu lösen. Er kann auch vernetzen, er sucht sich Hilfe bei den Hauptamtlichen aus den Projekten, wenn er selbst nicht mehr weiter weiß. Er nimmt die Jugendlichen mit zu seinen Einsätzen und vermittelt ihnen nicht nur Sprache und handwerkliche Kenntnisse, sondern auch Werte wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. Er hat ein offenes Ohr für alle und behält trotz der vielen Baustellen den Überblick.

Durch seinen Einsatz hat Bruno das Vertrauen vieler Menschen im Viertel gewonnen und für ihn ist manchmal der Zugang zu den Familien leichter zu schaffen, als für Vertreter von Institutionen. Über Bruno und das Vertrauen zu ihm finden Menschen auch den Weg in Einrichtungen wie den  Raum vor Ort.

Für den Raum vor Ort ist ein ehrenamtlicher Mitarbeiter wie Bruno Rziha ein Glücksfall. Er arbeitet selbstständig, ist verlässlich, hat keine Scheu vor fremden Menschen und Kulturen und bringt sich mit seinen vielen Begabungen an den richtigen Stellen ein, da wo Hilfe dringend benötigt wird.

Ganz besonders hervorzuheben ist sein großes Verständnis für die Neuankömmlinge, die Fähigkeit sich in ihre Lage zu versetzen, da er selbst nach dem Zweiten Weltkrieg mit seiner Familie als Flüchtling nach Deutschland kam. Daher weiß Bruno, wie wichtig es ist, diese Menschen in unserer Nachbarschaft herzlich willkommen zu heißen.

Bruno Rziha hat mit seinen 75 Jahren als Ehrenamtlicher im Schleswiger Viertel eine Vollzeitstelle.


Bruno Rziha: Motivation, Ziele und Erreichtes

„Wem noch nie Bomben und Granaten um die Ohren flogen und wer noch nie versucht hat sich am liebsten in das nächste Mauseloch zu verkriechen; wer noch nie vor Hunger den Kalk von den Wänden gekratzt hat, um was zu Essen zu bekommen, der kann sich die Probleme der Flüchtlinge nicht vorstellen.

Ich war 8 Jahre alt, als ich als Flüchtling ins Schwabenland nach Deutschland kam. Wir wurden bei einer Familie in ein Haus unter Polizeiaufsicht einquartiert. Da standen wir nun, meine Eltern mit drei kleinen Kindern, einer Kiste 40 x 60 x 50 cm hoch und einem Köfferchen, in dem sich die Papiere befanden. Ich weiß nicht, wie es meine Eltern schafften, aber es war erbärmlich. Was besonders schmerzte war die Beschimpfung „huratz Flüchtling“.

Erst nachdem ich „schwäbisch schwätzen“ konnte, hat man mich akzeptiert.

Das war auch der Grund, warum ich mich spontan für die ehrenamtliche Betreuung von Kindern auf dem Spielplatz „Bunter Garten“ entschieden habe, der von der Bunten Schule betreut wird. Hier lernte ich viele Kinder aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern kennen. Je nach Elternhaus war der Charakter der Kinder geprägt. Sie fassten aber schnell Vertrauen zu mir und beim Spiel konnte ich Ihnen Grundbegriffe der deutschen Sprache beibringen.
Zählen lernten sie beim Seilhüpfen. Auch die Kleinsten können schon bis Zwanzig zählen. Sie lernen Begriffe aus der deutschen Sprache kennen wie zum Beispiel Ohren, Nase, Mund und viele weitere Begriffe des Alltags, und ganz wichtig auch geordnete Abläufe, wie zum Beispiel sich in der Reihe anzustellen.

Die liebevolle Begrüßung durch die Kinder, wenn ich durch die Straßen des Schleswiger Viertels gehe, ist einfach ein schönes Erlebnis.

Aber über die Kinder lernte ich auch die Eltern und deren Probleme kennen. Auf die verwaltungstechnischen Fragen möchte ich hier gar nicht eingehen. Es sind vielmehr die Probleme in den Wohnungen wo ich kurz entschlossen den Familien helfen kann. So traf ich beispielsweise eine Familie, deren Spüle aus zwei auf den Boden gestellten Hängeschränken und dem Spülbecken bestand. Das Wasser wurde im Eimer aus dem Badezimmer geholt und das Abwasser im Eimer in die Toilette gebracht. Ich wusste, wo noch eine alte Arbeitsplatte stand, Installationsmaterial hatte ich noch in meinem Schuppen und noch genügend Bretter für
Untergestelle. Kurz entschlossen baute ich eine funktionsfähige Küchenarbeitsplatte, die die Küchenarbeit leichter macht und auch noch menschlicher aussieht.

Bei einer anderen Familie war der Fußboden mit Linoleumstücken ausgelegt, die auf der Straße gesammelt wurden. Ein Unfall war bei diesem Zustand nur eine Frage der Zeit. Ich habe zunächst einfach die Reste sauber zugeschnitten und mit Doppelklebeband fixiert. Die Gelegenheit nutzte ich, um dem 14-jährigen Sohn gleich in die Handhabung von Werkzeugen einzuweisen. Eine Werkzeugkiste, die ich aus überzähligem Werkzeug bei mir zusammenstellte, erhöhte den Eifer des Jungen. Laufend sprechen mich nun Familien an, die irgend ein
handwerkliches Problem zu lösen haben. Oft sind es nur Kleinigkeiten, aber sie machen Freude und das Leben lebenswerter.

Aber in der Nordstadt gibt es nicht nur ausländische Familien die Hilfe brauchen. Auch deutsche Ureinwohner haben Probleme, mit dem Umfeld fertig zu werden. So Unterstütze ich eine ältere Dame dabei, dass sie mit der Drogenszene besser klar kommt. führe kleinere Reparaturen aus, Sorge für Sauberkeit in der Hofeinfahrt und für etwas mehr Sicherheit. Nach einem schweren Schlaganfall wurde ich vom Gericht zum Betreuer bestellt.

Ich freue mich immer wieder darüber, wenn ich in den Raum vor Ort komme und die verschiedenen Kursteilnehmer mich herzlich begrüßen, mir von ihren leckeren Speisen anbieten oder Ihre Näharbeiten zeigen. Ich gehöre einfach mit dazu, ich bin einer von ihnen – und wenn es gelingt, dass noch mehr Menschen sich so zu engagiere, dann kann das Misstrauen abgebaut werden und die Integration gelingt schneller und besser.

In diesem Zusammenhang möchte ich auf den 75. Geburtstag meiner Mutter hinweisen, an dem auch alle Nachbarinnen und Nachbarn der ersten Jahre anwesend waren. Ich erzählte von unseren ersten Begegnungen und den Beschimpfungen. Alle wiesen das energisch zurück. Das zeigt, wie die Integration auch schlechte Erfahrungen vergessen lässt. Die Welt wird menschlicher.

Ich wünsche mir für die Nordstadt und die Menschen die hier wohnen, dass sie mehr Verständnis für einander aufbringen und sich gegenseitig mehr helfen. Das Anschließen einer Lampe ist für mich kein Problem. Ich habe die Kenntnisse und auch das erforderliche Werkzeug. Für den Zuwanderer ist es unlösbar, denn er hat nicht die Kenntnisse und auch kein Werkzeug. Was bei mir ungenützt im Keller herumliegt kann anderen zu einem besseren und menschenwürdigeren Leben verhelfen.“